Woher? Wohin? Lernen neu denken – der Podcast vom Institut für Lernhemmungen

Folge 4 – mit Bella

Karin Kaffke-Rusche, Integrative Lerntherapeutin Season 1 Episode 4

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SPEAKER_00

Ich begegne in meiner Arbeit vielen Kindern, die lernen wollen und trotzdem nicht mitkommen. Nicht, weil sie sich nicht anstrengen, sondern weil Lernen für sie anders funktioniert. Dieser Podcast ist aus vielen Gesprächen entstanden. Gesprächen mit Kindern, die sagen, ich verstehe das nicht, obwohl ich es versuche. Und mit Eltern, die spüren, dass ihr Kind mehr braucht, als üben und Druck. In dieser Podcast-Reihe möchte ich Raum schaffen. Raum für Fragen, für Unsicherheit und für neue Perspektiven auf Lernen. Nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit Verstehen, Beziehung und der Überzeugung, dass jedes Kind seinen eigenen Lernweg hat. Hallo Bella, schön, dass du da bist. Ich freue mich auch. Wir kennen uns schon sehr lange. Ja. Wir kennen uns schon seit Dezember 23. Also, das sind schon fast drei Jahre. Ja. Zweieinhalb Jahre. Du bist groß geworden. Fühlt sich wohl? Ja. Bist du zufrieden? Kannst du dich an diese Zeit erinnern, als du hierher gekommen bist? Kann ich. Kannst du dich erinnern, warst du so zufrieden mit deinem Leben wie jetzt?

SPEAKER_01

Naja, also es gab ein paar Teile, wo ich halt nicht so zufrieden war, aber sie haben mich halt in der laufenden Zeit verbessert, weil ich hier halt war. Du hast das Gefühl, die Lerntherapie hat dir was gebracht? Auf jeden Fall.

SPEAKER_00

Die hat mir viel was, also viel gebracht. Also wir fangen mal von vorne an. Du warst damals in der dritten Klasse. Du warst ein Kind, das ganz viele Probleme hatte in der Schule, im Lesen, Schreiben und Rechnen. Und in der Aufmerksamkeit. Also du hattest wirklich ringsherum es schwer, in der Schule anzukommen. Deswegen haben deine Eltern sich um diese Lerntherapie bemüht. Kannst du dich an den ersten Tag erinnern? Ganz, ganz schwer. Weil es halt schon so lange her war.

SPEAKER_01

Okay. Woran kannst du dich in der ersten Zeit erinnern? Also auf jeden Fall, ich kann mich erinnern, dass ich es auf jeden Fall schön fand, hierher zu kommen, aber andererseits auch nicht so schön. Weil, also. Versuch das mal zu begründen.

SPEAKER_00

Was war schwierig hier für dich?

SPEAKER_01

Schwierig war es für mich, generell einfach zu lernen, weil mein Schultag halt schon voll war und Schule mag ich nicht so, deswegen war es schwer, dann nochmal ein bisschen mehr Schule zu haben. Aber ich fand es toll, weil ich halt wusste, dass ich dann besser werde, meine Noten besser werden. Und es hat mir auch Spaß gemacht im Laufe der Zeit. Also ich wusste, dass du mir helfen wolltest und so hat es auch geklappt.

SPEAKER_00

Ja, das stimmt. Du warst oft sehr müde und kaputt. Der Schulalltag war für dich sehr, sehr anstrengend. Und ich weiß, dass du manchmal morgens nicht hochgekommen bist. Ja, oft. Ist das immer noch so? Nö, eigentlich nicht. Also ist nicht mehr so. Du bist stabiler geworden. Ja. Und was passiert, wenn du mal morgens sagst, jetzt zur Schule geht gar nicht?

SPEAKER_01

Also eigentlich passiert es jetzt nur noch ganz, ganz selten. Und wenn es passiert, dann mache ich einfach, also ich sage dann, ich schaffe es und ich sage dann, am Nachmittag kann ich mich ausruhen. Ich habe die Schule hinter mir, ich schaffe es, meine Freunde sind da, sie freuen sich auf mich und es ist blöd, wenn ich was verpasse.

SPEAKER_00

Tolle Haltung, ja. Du hattest in Mathe Probleme, in Deutsch Probleme und Konzentrationsprobleme. Du hattest Probleme, den Schulalltag zu schaffen. Was hat sich als erstes verbessert?

SPEAKER_01

Also als erstes hat sich auf jeden Fall Mathe und Deutsch verbessert. Und danach kam halt die Schule. Also ja, der Schultag.

SPEAKER_00

Ich erinnere mich daran, dass es dir schwerfiel, Dinge in Mathematik auswendig zu lernen. Die Malfolgen. Kannst du dich noch erinnern an diese Malfolgen?

SPEAKER_01

Die haben mir echt, weil die haben mich echt ein bisschen Wahnsinn getrieben. Wie hast du das geschafft, dass du dir eingeprägt hast? Also meistens halt oft üben mit dir und dann auch einfach üben. Und irgendwann wusste ich sie und ich habe mir halt auch ein, also ich habe sie mir gemerkt und mit irgendwas verbunden, was ich weiß, und dann wusste ich sie eigentlich. Und sie, also dann geht's. Also jetzt sind sie ganz gut.

SPEAKER_00

Du hast sie mit einer Iselsbrücke, das wolltest du sagen, mit einer Iselsbrücke hast du sie in dein Gedächtnis, in deine Erinnerung, in deinen Kopf geholt. Das ist bestimmt sehr wichtig gewesen. Aber ich glaube, ich weiß nicht, ob ich das jetzt falsch sage, du musst mich korrigieren. Du hast auch deine Widerstände gegen diese Mahlfolgen. Es gab so eine Zeit, da wolltest du mit Malfolgen nichts zu tun haben. Das hattest du aufgegeben.

SPEAKER_01

Ja, weil ich wusste, es hilft mir einfach im Leben. Und immer wenn ich länger jetzt sage, nein, ich will das nicht, nein, ich will es nicht, dann weiß ich, es dauert auch umso länger, das zu üben. Und deswegen einfach, wenn man es einmal hat, dann hat man es. Es ist wie Fahrradfahren.

SPEAKER_00

Ja, man verliert es nicht mehr. Ja, das stimmt. Und wenn man sich dagegen stellt, wenn man sagt, nein, das mache ich nicht und so weiter, das bringt nichts. Letztendlich sind das die Grundlagen, die du brauchst. Ich habe ganz schnell gemerkt, als du angefangen hast, selber zu üben, in der Familie zu üben. Deine Mutter hatte mir erzählt, ihr seid spazieren gegangen und ihr seid in den Urlaub gefahren und ihr habt die Malfolgen als Spiel immer irgendwie mitgenommen. Also deine Familie hat mitgemacht. Das fand ich auch großartig. Das hat mir sehr gefallen. Und so ging das weiter: Minus. Oh, Minuszahlen. Minus mochtest du gar nicht. Ja. Wie sieht das heute aus mit Minus?

SPEAKER_01

Minus ist jetzt eigentlich ganz einfach, weil ich es halt verstehe. Und es ist eigentlich gar nicht so schlimm. Weil es mir jetzt irgendwie auch ein bisschen Spaß macht, Minus zu rechnen. Also bei Mathe ist es ja so, dass es mir wirklich ein bisschen mehr Spaß macht als früher. Wo es mir vor allem gar keinen Spaß gemacht hat.

SPEAKER_00

Das ist gut, ne? Und Spaß kommt, denke ich, oder weiß ich, Spaß kommt, wenn man es kann. Ja. Ja. Du bist ein Teil der Klasse geworden, du. Das kann ich mir jedenfalls vorstellen, wenn ich dich jetzt so sehe, groß und schön und fröhliche Augen. Hast du Probleme, in deiner Klasse mitzukommen?

SPEAKER_01

Nein, ich habe gar keine Probleme. Und wenn habe ich auch eine Hilfe, aber ich krieg's jetzt eigentlich alles hin. Also ich komme mit und wenn ich mal was nicht habe, dann mache ich es zu Hause oder mach's einfach einen Unterricht, wenn die anderen was anderes machen, was ich zum Beispiel kann.

SPEAKER_00

Das heißt, du achtest darauf, dass du die Dinge, die ihr bekommt in der Schule, dass du die verstehst und machst. Ja. Und welche Hilfe hast du?

SPEAKER_01

Also als Lehrerin habe ich Frau Maligheitshilfe und sie hilft mir dabei. Also mit ihr ist einfach einfacher, weil sie mir so hilft. Also das mir leichter macht die Aufgabe. Ist sie während des Unterrichts dabei?

SPEAKER_00

Ja. Und jede Stunde oder? Nicht jede Stunde, vielleicht zweimal in der Woche oder so. Und konzentriert bei Mathe oder auch in anderen Fächern? Mathe und manchmal auch Deutsch. Okay. Lesen war ziemlich schnell gut bei dir, das erinnere ich auch. Liest du vier alleine zu Hause? Ja, seit letzter Zeit schon.

SPEAKER_01

Ein Buch von einer Freundin von mir. Das mag ich sehr. Da mag ich die Bänder sehr.

SPEAKER_00

Das ist also eine Reihe, eine Buchreihe. An welcher Nummer bist du?

SPEAKER_01

Ich glaube im vierten. Und das sind halt immer so 400 Seiten oder so. Aber halt so, als wenn man es selber schreiben würde, wie so ein Tagebuch.

SPEAKER_00

Ah, sehr schön. Und das gefällt dir. Wenn du jetzt an deine Freundin denkst, wie viele Bestis hast du hier in deiner Schule?

SPEAKER_01

Also im Moment habe ich eigentlich zwei, mit denen, also die ich schon lange kenne und deswegen sind die halt meine besten Freunde. Sind die hier aus Marquard? Äh, eine. Die andere kenne ich halt schon seit der Kita und die wohnt aber leider in Potsdam.

SPEAKER_00

Okay. Und mit denen triffst du dich regelmäßig?

SPEAKER_01

Mit der einen schon, die hier in Marquard wohnt, aber mit der anderen ist es halt schwer, weil sie auch auf Training hat.

SPEAKER_00

Machst du Sport?

SPEAKER_01

Mhm. Cheerleading. Und wo macht man das? Also ich mache das in Fahrland bei der Regenbogenschule in der Turnhalle, immer auch mit der Freundin, die hier wohnt, in Marquardt. Und das macht Spaß, weil da kann ich Sachen ausprobieren und wir machen halt auch Vorführungen beim Fußballspiel oder so und später wollen wir auch auf Meisterschaften gehen. Wie groß ist eure Gruppe? Also es gibt halt die Minis, denn die Mittleren, da bin ich drin und die Größeren. Und die mittlere, da sind ungefähr so zehn Leute oder elf drin. Und bei den anderen weiß ich nicht, aber es kommt halt immer aufs Alte an, nicht auf die Größe.

SPEAKER_00

Und mit den Mädels musst du dich zusammen bewegen. Ja, wir müssen ein Team sein. Genau. Du musst hinschauen, du musst gucken, dass du in dem Rhythmus dich bewegst. Das macht Spaß, ne? Ja. Hast du noch andere Hobbys?

SPEAKER_01

Sonst eigentlich meistens immer, also mit meiner Freundin treffen, dann fahren wir hier draußen rum und sonst bin ich halt meistens im Zimmer und gucke was Kleines.

SPEAKER_00

Ich kann mich erinnern, dass du früher oft gemobbt worden bist. Und ich habe mir in dem Protokoll, was ich gefunden habe, mal so rausgesucht, was du mir damals erzählt hast. Du hast gesagt, die haben gesagt, du bist zu langsam, du bist zu dick, du kannst nicht schnell genug denken. Also ganz große, fürchterliche, wenn ich mir vorstelle, dass jemand das zu mir sagt, ich wäre am Boden zerstört. Wie ist das anders geworden?

SPEAKER_01

Also in der Laufe der Zeit, wir werden ja auch älter, und damit ist das eigentlich, was früher, sag ich jetzt mal, passiert ist, mehr so kinderkram gewesen. Ich finde es trotzdem immer noch blöd. Aber ich verstehe mich mit den Personen jetzt gut. Die eine Person ist jetzt wieder so aus dem Schatten getreten, also mit der mache ich jetzt nicht viel. Mit der anderen Person geht es eigentlich. Wir haben oft Streit, aber wir haben auch bemerkt, dass wir eigentlich ganz gleich sind.

SPEAKER_00

Dass sie euch eher ähnelt. Ja. Wenn du dich jetzt charakterisieren würdest, was macht dich aus?

SPEAKER_01

Also weiß ich ja selber nicht, was mich ausmacht.

SPEAKER_00

Schwer, ne? Ja. Das ist wirklich schwer. Ich wollte nur dir nicht so viel vorgeben, was macht dich aus? Also, welche Eigenschaften hast du, die richtig stark sind und die vielleicht andere eher dazu bringen, zu sagen, ach Bella.

SPEAKER_01

Also die Eigenschaften zum Beispiel, wenn ich jetzt manchmal bei der Name gerade nicht ein. Bei deinem Spiel oder so, wenn die denn da mich, die fragen mich immer, ob ich mitmachen will. Und dann sage ich immer nein, weil ich keine Lust habe, weil ich einfach was mit den anderen machen will oder auf dem Trampolin sein will. Dann sagen die auch immer, ach Bella, wieso denn nicht? Und wenn ich mal mitmache, freuen sie sich richtig und sind richtig begeistert von mir.

SPEAKER_00

Also es ist eher deine Eigenschaft, sehr selbstbewusst das zu tun, was du möchtest. Und ja, die möchten sich an deiner Seite, an ihrer Seite haben. Sie möchten, dass du mit ihnen spielst.

SPEAKER_01

Ja, beim Spiel macht es halt auch mehr Spaß, wenn man mit mehreren spielt. Und weil ich es halt früher ganz oft gespielt habe, wollen die halt immer, dass ich mitspiele. Manchmal spiele ich noch mit, aber man will ja manchmal auch einfach rumsitzen in der Pause und nicht die ganze Zeit rennen.

SPEAKER_00

Es gab aber auch einen Jungen, mit dem du sehr viel Streit hattest. Oh ja.

SPEAKER_01

Wann hat sich das verändert? Als ich mit ihm und der Mama ein Gespräch hatte, hat sie es geändert, weil dann haben wir uns ausgeresen. Und da haben wir auch bemerkt, dass wir eigentlich ganz gleich sind und haben bemerkt, was ist überhaupt, also wieso ist sie so oder wieso ist er so? Und dann wurde es einfach besser, weil wir wussten, wir sind eigentlich fast die gleiche Person. Außer dass er ein Junge ist und nicht ein Mädchen. Was ist denn so gleich? Na, gleich ist zum Beispiel, dass wir beide schnell mal wütend werden und beide halt einfach den größeren aus der Klasse sind und halt wissen, dass wir beide also. Ja, also weise werden wir wütend und also eigentlich sind wir halt ganz gleich und ja. Was machst du mit deiner Wut heute? Ich probiere sie zu unterdrücken und wenn es wirklich mal passiert, habe ich natürlich meine Freunde bei mir und da bin ich halt bei denen auch immer sehr dankbar, dass die mir immer helfen, weil die sehen es, dass ich, wenn ich wütend werde. Und wenn nicht, frage ich es auch einfach, ob sie mir helfen wollen, dass ich mir jetzt nicht wie ein Vulkan ausbreche. Und wenn, stehen sie halt immer auf meiner Seite. Und das finde ich halt auch sehr gut.

SPEAKER_00

Das klingt großartig. Das freut mich. Das ist eine gute Erfahrung, dass man die Wut auch bezähmen kann. Das ist sehr gut. Du bist sehr gerecht. Also daran kann ich mich erinnern, dass du auch hilfsbereit bist. Das wäre auch so eine Eigenschaft, wo ich denke, wow, du hilfst wirklich anderen Menschen und du möchtest, dass es alles gerecht zugeht. Das wird sich nicht verändert haben. Was hat sich verändert in dem letzten halben Jahr? Wir haben uns jetzt ein halbes Jahr nicht gesehen. Ja, ein halbes Jahr.

SPEAKER_01

Was hat sich verändert? Also auf jeden Fall, dass ich besser in der Schule geworden bin, bessere Noten bekommen habe. Und halt, da, wo du mir immer die Tipps gegeben hast, bin ich besser geworden und konnte mich jetzt auch unter Kontrolle halten, wenn der mir mal echt bis auf echt bis nach oben stand. Also ich habe mich halt immer an die Sachen erinnert, die du mir gesagt hast. Und er hat es mir auch immer geholfen. Und dass der Tag eigentlich immer ganz schön wird, wenn man jetzt keine Lust hat auf den Tag. Und dass danach man ja immer was ganz Schönes machen kann. Und dass sich mal an die Freunde sieht.

SPEAKER_00

Ja, das hast du in der Hand, ne? Das hast du selber in der Hand. Was wünschst du dir für deine Zukunft?

SPEAKER_01

Dass ich das auf jeden Fall mit dem Jungen unter Kontrolle kriege, dass wir uns jetzt überhaupt nicht streiten. Das würde ich mir halt wünschen. Oder dass ich halt noch besser in Mathe werde. Und ein bisschen auch in Deutsch. Aber eigentlich wünsche ich mir gar nicht so viel, weil das meiste ist halt schon in der Füllung gegangen in der Schulzeit.

SPEAKER_00

Genau, du bist in der fünften Klasse, ja. Du hast noch ein halbes Jahr, nicht mal ganz, eigentlich nur noch drei Monate, Mai Juni, Juli. Und dann kommst du in eine andere. Ah, nein, du kommst in die sechste Klasse. In die letzte Grundschulklasse. Ja, ich freue mich, dass du da warst. Vielen Dank für dein Gespräch. Und ich bin gespannt, wie es bei dir weitergeht. Vielleicht treffen wir uns mal wieder. Ja, hoffentlich. Danke, Bella. Bitte. Ich habe Sie mit diesem Interview angesprochen. Sie sind neugierig geworden und wünschen sich mehr von diesen persönlichen Erfahrungen und Geschichten. Dann rufen Sie unsere nächste Folge auf. In vier Wochen sind wir wieder für Sie da. Ich würde mich freuen.