Woher? Wohin? Lernen neu denken – der Podcast vom Institut für Lernhemmungen
Kinder lernen unterschiedlich. Und manchmal merken Eltern: Mein Kind strengt sich an – und kommt trotzdem nicht mit.
Diese Podcastreihe ist für Eltern, die sich fragen. warum Lernen plötzlich so schwer wird. Und für alle, die spüren, dass Lernen mehr ist als Tempo, Noten und Vergleich.
Karin und Birgit sind Integrative Lerntherapeutinnen bei LernPlus Potsdam. Sie sprechen über kinder und Jugendliche, die anders wahrnehmen, anders denken und deshalb einen individuellen Weg fürs Lernen brauchen.
Nicht mit schnellen Lösungen. Sondern mit Zuhören, Verstehen und der Freiheit, Lernen neu zu denken.
Woher? Wohin? Lernen neu denken – der Podcast vom Institut für Lernhemmungen
Folge 3 – Mit Claudia
Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.
Ich begegne in meiner Arbeit vielen Kindern, die lernen wollen und trotzdem nicht mitkommen. Nicht, weil sie sich nicht anstrengen, sondern weil Lernen für sie anders funktioniert. Dieser Podcast ist aus vielen Gesprächen entstanden. Gesprächen mit Kindern, die sagen, ich verstehe das nicht, obwohl ich es versuche. Und mit Eltern, die spüren, dass ihr Kind mehr braucht, als üben und Druck. In dieser Podcast-Reihe möchte ich Raum schaffen. Raum für Fragen, für Unsicherheit und für neue Perspektiven auf Lernen. Nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit Verstehen, Beziehung und der Überzeugung, dass jedes Kind seinen eigenen Lernweg hat. Hallo Claudia, schön, dich zu sehen und dich hier zu haben und mit dir über Naila zu sprechen. Naila ist deine jüngste Tochter. Sie ist mittlerweile oder wird mittlerweile 13 Jahre alt. Ich habe Naila kennengelernt, da war sie alt. Da habe ich sie kennengelernt. Du bist zu uns gekommen in die lerntherapeutische Praxis und hattest Druck. Kannst du dich erinnern an diese Zeit, als du zu uns kamst und nicht wusstest, wie es weitergeht mit Naila?
SPEAKER_01Ja, ich kann mich da sehr gut dran erinnern. Das war eine schwere Zeit. Also einerseits waren wir ganz glücklich, dass wir dich gefunden hatten, weil es sehr schwer war, eine Lerntherapeutin zu finden. Und andererseits hatten wir große Probleme. Also ich rede von wir, weil ich natürlich involviert war als Mutter einer Tochter. Aber ich fange mal bei Naila an. Bei Naila wurde in der 2021, jetzt muss ich wieder rechnen, ja, da war sie noch in der ersten Klasse, wurde ADHS diagnostiziert im zweiten Schulhalbjahr. Und dann später kam noch LRS und Dyskalguli dazu. Und wir haben kaum Unterstützung seitens der Schule erhalten. Und ich war erstmal völlig überfordert mit diesen Diagnosen und habe mich erstmal ins Üben gestürzt und dachte, ich kann es gut machen, indem wir einfach ganz viel aufholen und sehr viel zu Hause machen. Das hat für Naila bedeutet, dass Naila sowohl in der Schule Druck hatte als auch zu Hause. Und dementsprechend ging es ihr. Ja, das stimmt.
SPEAKER_02Ich war damals in der Schule. Ihr wohnt in so einem kleinen Ort und es ist eine kleine Schule. Und ich kannte Naila noch nicht und ich habe mich hinten reingesetzt in den Klassenraum und habe Naila beobachtet. Sie war wie ein Brummkreisel. Sie hat immer geguckt, was die anderen machten, aber sie selber hat überhaupt keine Erdung gehabt. Sie war vollkommen hilflos. So habe ich sie kennengelernt. Dann kam sie regelmäßig und was entwickelte sich bei Naila und bei dir hauptsächlich? Ich meine, du hast eine ältere Tochter, du hast einen Mann, der auch mitut, aber letztendlich hast du ja die meiste Arbeit mit Naila gemacht.
SPEAKER_01Ja, also zuallererst war das wie so ein Hafen für Naila hier bei dir. Also sie ist gerne gekommen und das war nicht selbstverständlich. Wir hatten ja vor Psychotherapie ausprobiert, sie hatte Ergotherapie gemacht und sie war genervt eigentlich, dass ich jetzt noch mit Lerntherapie ankomme. Aber das war für sie immer ganz wunderbar. Das war immer was Schönes, eine tolle Erfahrung. Und ja, insofern war das schon mal Hilfe. Also auch für mich, weil sie hier gerne hingegangen ist und ich das Gefühl hatte, dass sie hier was bekommen hat. Halt bekommen hat. Vielleicht auch das Gefühl, richtig zu sein. Ja.
SPEAKER_02Das fühlt sich gut an, wenn du das sagst, weil das ist natürlich die Grundvoraussetzung zum Lernen, dass man sich wohlfühlt, dass man geachtet wird. Und ich kann mich erinnern, Nailan kam immer mit Aufgaben aus der Schule. Wir haben hier ganz viele Kinder, bei denen darf ich überhaupt nicht mit Schulmaterial kommen, dann würden die wegrennen. Nailan kam immer. Wir haben immer an Arbeiten gearbeitet, die sie ganz konkret in der Schule hatte. Das war auch besonders. Und sie hat die Zeit auch genutzt, obwohl sie ja wirklich auch eine zappelnde Persönlichkeit ist. Ich hatte immer, immer Angst, sie kippt mir weg. Und das hat sie aber nie gehabt. Ja, sie mag eigentlich lernen. Irgendwie schon. Das muss ich auch sagen. Ist das immer noch so?
SPEAKER_01Ja, absolut. Und ich glaube, das ist dir zuzurechnen. Weil tatsächlich mochte sie es gar nicht. Das war immer mit Überredungskünsten verbunden und immer mit Druck. Also wir haben glücklicherweise den Moment nicht verpasst, insofern, als dass sie nicht schon lernverdrossen war. Also sie waren noch nicht richtig lernverdrossen, sie war auch noch nicht schulverdrossen. Also es war noch nicht so, dass sie nicht mehr gerne zur Schule ging. Sie ging noch gerne zur Schule, sie hatte da ihre Freundinnen und so. Aber eigentlich hat sie in der Schule, glaube ich, so ein bisschen aufgegeben, dass sie da irgendwas reißen kann und sich gut fühlen kann. Und ja, glücklicherweise haben wir in diesem Moment dann die Lerntherapie begonnen, bevor es das Ganze gekippt wäre. So denke ich. Ich weiß es natürlich nicht.
SPEAKER_02Es kann gut sein. Also sie war wirklich keine lernverdrossene Persönlichkeit und ist ja heute auch nicht. Ich glaube, sie lernt durch Beziehungen. Sie mag es, Menschen zu mögen und Freundinnen zu haben. Und sie hat immer gesagt, meine Besties. Also ihre Freundinnen waren so wichtig für sie und dafür ist sie in die Schule gegangen. Richtig. Und das ist wunderbar. Also, das freut mich sehr. Ich kann mich auch erinnern, dass Naila war immer nett, immer höflich zu mir, immer ausgeglichen war. Das war sie zu Hause nicht. Es gab viele Momente, wo ihr gestritten habt und wo sie ihren Druck rausgelassen hat. Erzähl mal von diesen Situationen.
SPEAKER_01Ja, Wut. Also ich glaube, da muss ich auch ehrlich sagen, dass Wut, glaube ich, bei uns in der Familie einfach auch ein Thema ist. Und also wir haben ja mit Naila uns auch mit uns selbst dann nochmal auseinandergesetzt, mit Nailas Diagnosen. Der Papa hat mittlerweile auch eine ADHS-Diagnose. Und je mehr ich mich angucke, kann ich mir auch vorstellen, dass ich ADS habe, das Haar streichen wir, vielleicht geht es nach innen. Aber und ja, um jetzt nochmal auf die Wut zurückzukommen, wir sind sehr extrovertierte Menschen bei uns zu Hause und ich glaube und waren auch nicht die besten Beispiele, mit Wut umzugehen. Und Naila hat sich durch Wut abgegrenzt und durch Wut gezeigt, wenn Grenzen überschritten wurden. Und zu Hause war der Raum, wo sie das zeigen konnte, in der Schule nicht. Also, ich habe in der Schule, ich habe nie schlechte Rückmeldungen bekommen, dass Naila sich nicht benommen hätte oder aufgefallen wäre, überhaupt nicht. Das hat sie dann zu Hause rausgelassen. Also ich weiß noch, manchmal war es richtig, so wenn ich sie abgeholt habe von der Schule, dass sie sich erstmal entladen hat. Also dann habe ich richtig die Kante von ihr gekriegt und dachte, womit habe ich das jetzt verdient? Was ist denn jetzt schon wieder gewesen? Ja, das war auch ein Prozess. Also es war einerseits ein Prozess, anzuerkennen, dass wir auch nochmal anders lernen müssen, mit Wut umzugehen und das anders vorzuleben und auch zu sehen, was die Wut für eine Rolle spielt bei ihr, wozu sie auch nützlich ist. Ja, und mittlerweile können wir gut mit der Wut umgehen. Und möchte ich sagen doch, haben wir sehr viel gelernt, dadurch, dass sie so mehr in unser Leben gekommen ist, sich einfach ganz und gar gezeigt hat.
SPEAKER_02Gib mal ein Beispiel, was meinst du damit? Wie gut umgehen mit Wut.
SPEAKER_01Also ich kann jetzt besser mit Nailas Wut umgehen. Also früher war es so, das war dann, ich habe das direkt zurückgespiegelt und nicht positiv gespiegelt, sondern ich wurde dann auch wütend und dann waren wir beide wütend und man kann sich vorstellen, dass das überhaupt nichts bringt. Und jetzt kann ich das eher wegatmen und bin ihr dann ein ruhiger Pol und kann dann darauf eingehen und sich fragen, Mensch, wo kommt denn die Wut her? Und meistens ist dann Traurigkeit dahinter oder Sprachlosigkeit. Also ja, da ist ganz viel dahinter. Die Wut will einem was sagen.
SPEAKER_02Ja, das stimmt. Das ist ihr Ventil. Naila hat dann irgendwann die Schule gewechselt. Ich kann mich erinnern, dass die kleine Schule, in der ihr Naila hattet, ganz dicht an eurem Wohnort nicht wahrgenommen hat als die kraftvolle Person, die sie ist. Sie haben eigentlich ihre Schwächen nur wahrgenommen. Und das war für mich eigentlich auch eine Zeit, die ganz schwierig war, weil ich ja versucht habe, Naila zu begleiten, sie in die Kraft zu bringen und die Schule das nicht mitgemacht hat. Vielleicht erzählst du mal von dieser Zeit.
SPEAKER_01Also für die Schule war, ich weiß nicht, wie es heute ist, Neurodiversität ein Fremdwort. Und LRS und Diskalkuli und ADHS etwas, dem man mit viel Üben und Kontrolle begegnen sollte. Und auch ich habe am Anfang da mitgemacht. Also ich habe mich richtig instruieren lassen. Ich weiß noch, irgendwann hast du zu mir gesagt, die nutzen dich ja richtig. Also das war für mich auch sehr hilfreich, das zu sehen. Und dann habe ich damit auch, habe ich da auch meine Grenze gezogen. Aber ja, was war jetzt habe ich den Faden verloren?
SPEAKER_02Ja, es ging eigentlich darum, die Schule hat nicht mitgemacht in dem Prozess, Neila zu stärken. Und ich kann mich erinnern, als wir diese Helferrunde hatten, auch mit der Schulrätin und den Lehrern und mit dir, dass du auch, ja, eigentlich bist du auch in die Wut gekommen, ne? Ja, absolut. Das war kein Konsens möglich. Und das ist die einzige Möglichkeit, aus meiner Sicht, wirklich eine haltgebende Entwicklung zu starten, wenn die Schule, die Eltern, die Lerntherapie und alle, die dazu gehören, die Dinge ähnlich sehen und mittun. Und die Schule war nicht, die waren nicht in der Lage, die haben sich immer irgendwie, ja, die haben sich immer rausgehoben und haben sich abgewendet, von dem Gedanken abgewendet, dass Naila es schafft und kraftvoll ist. Sie haben sie eigentlich klein gemacht.
SPEAKER_01Ja, sie haben sie defizitorientiert gesehen. Und hatten, also wenn man ein Bild verwenden möchte, dann war es wie Löcher stopfen. Als wenn wir Löcher stopfen sollen. Und das wurde dann auch noch nach außen hin verwaltet. Also es war nicht Aufgabe der Schule, diese Löcher zu stopfen, sondern eigentlich des Elternhauses und anderer Systeme. Genau, also so würde ich das bezeichnen. Also es fand schon Förderunterricht in der Schule statt. Sie hat auch einen Nachteilsausgleich bekommen. Aber dennoch wurde sie nicht ganzheitlich gesehen, so wie sie ist, mit ihren ganzen Stärken auch, die sie ja hat. Also es wurden eigentlich nur die Schwächen gesehen und versucht, die Schwächen irgendwie auszugleichen. Da konnte sie eigentlich gar nicht rauskommen. Also mit dieser Perspektive.
SPEAKER_02Das stimmt, das stimmt. Ich meine, es ist eigentlich ein Schritt, den man nicht gerne tut, sich abwendet, aber wenn man gegen die Wand läuft, ist es eine Möglichkeit oder die einzige Möglichkeit, weiterzugehen. Und ja, Nailas Stärken, also Naila ist vollkommen fröhlich, sie ist witzig, sie ist ordentlich. Ich habe selten eine Schülerin gehabt, die so ordentlich war. Sie wusste genau, wo sie was hatte und hat das sortiert und hat wunderbar geschrieben. Und das war ihr alles sehr, sehr wichtig. Und ja, da gehört bestimmt noch mehr zu. Was kann Naila eigentlich alles noch, wenn du sie es mal zusammenfasst? Du kennst sie ja viel intensiver.
SPEAKER_01Ja, also was Naila auf jeden Fall ausmacht, ist ihr freundliches Wesen. Sie strahlt immer, sie lächelt immer und ist zu allen nett. Sie ist ein unglaublich fairer Mensch. Hat da auch Sensoren für. Sie ist sehr willensstark und kann sich auch durchsetzen und für sich einstehen. Sie ist kreativ und hat einen Sinn für Ästhetik. Sie ist sportlich. Sie lässt sich motivieren und mitreißen. Ich würde sagen, sie ist auch sprachbegabt. Also sie lernt jetzt Englisch und Spanisch und hat eine ganz tolle spanische Aussprache.
SPEAKER_00Da bin ich immer ganz begeistert.
SPEAKER_02Da kommt unglaublich viel zusammen. Und mir fällt etwas ein. Damals, als ich die Sonderpädagogin kennenlernte, sagte sie, wenn ein Kind eine Lesere-Rechtschreibstörung hat und eine Mathestörung hat und ein ADHS hat, dann ist es eigentlich lernbehindert. Das kommt gerade so wieder auf mich zu. Wir befinden uns oder befanden uns im Jahr 2022. Ich gedacht habe schreiend, innerlich schreiend, das geht ja gar nicht. Das sind normal begabte Kinder. Naila hat sehr viel Stärken, das haben wir eben gehört, aber sie hat auch einen ganz kraftvollen IQ. Also sie ist einfach anders wahrnehmend. Sie ist wirklich, die geht anders mit dem Gelernten um und sie geht anders mit dem Hören um oder dem Sehen um und alles Dinge, die man braucht beim Lernen. Und ich kann mich erinnern, du hast dich eine Zeit lang eben sehr mit Neurodiversität beschäftigt und hast gesagt, ich glaube, Naila lernt über Farben.
SPEAKER_01Ja, also ich habe mich dann mit Neurodiversität beschäftigt, habe viele Podcasts gehört und gelesen. Und dann fing ich an, sie auszufragen und da erzählte sie mir, wie selbstverständlich, dass die vier, ich weiß jetzt nicht, welche Farben welche Zahl hat, aber für sie war das ganz klar, beispielsweise, ich kann es jetzt nicht richtig wiedergeben, die vier ist grün und die acht ist blau und die hat nicht nur Farben, die hatten auch Charaktere. Also die eine Zahl ist rechthaberisch und egoistisch und die andere ist sehr freundlich und die andere sieht immer ganz toll aus und ist super gestylt. Ja, das war das war sehr spannend für mich, das so mitzubekommen, was eigentlich da in meinem Kind möglich ist. Also was für ein Spektrum, ja, wie die die Welt sieht.
SPEAKER_02Ja, das glaube ich. Du hattest vorhin gesagt, sie war oder ist sehr sportlich und sie hat dann bei den Cheerleadern mitgemacht und ich bekam mal ein Video, kann ich mich erinnern, wo sie wirklich auch in der Gruppe, ne? Also sie ist ja nicht nur eine Einzelkämpferin, sondern sie achtet auf andere sehr und kann sich auch rhythmisch auf Situationen sehr gut einlassen. Also das muss ich auch sagen, das hat mich berührt, das zu sehen. Wann kam Naila in eine andere Schule? Und welche Schule habt ihr ausgesucht?
SPEAKER_01Wir haben eine Waldorf-Schule ausgesucht. Das hatte den Hintergrund, dass wir eine Schule gesucht haben, die weniger Druck gibt. Und eine Schule, in der unsere Tochter freier lernen kann und ganzheitlicher gesehen wird als Mensch, als Individuum. Die Auswahl ist bei uns begrenzt. Wir wohnen im Speckgürtel von Berlin und alles ist sowieso mit Fahren verbunden. Also die Schule, wo sie jetzt hingeht, da fahren wir eine halbe Stunde pro Strecke mit Auto. Genau, und ja, deswegen ist es die Waldorf-Schule geworden. Zum einen gibt es keine Noten, zum anderen wird in Epochen unterrichtet, was Nailas Art zu lernen sehr entgegenkommt. Dieses Vertiefende in einem Thema drin sein und bleiben, dann ist es ein sehr ganzheitliches Lernen. Also Kunst, Ästhetik ist immer involviert, also die bemalen immer ihre Hefte, werden immer schön gemacht. Und meistens wird ein Thema dann auch nochmal im Kunstunterricht vertieft, dann gestalterisch. Genau, also das passt sehr zu unserer Tochter. Und zumal stehen nicht nur kognitiv geprägte Fächer im Vordergrund, sondern eben auch künstlerische, handwerkliche Fächer, sodass wir das Gefühl hatten, das kann unsere Tochter auch, also da kann unsere Tochter auch glänzen. Da sind nicht nur Fächer, wo sie merkt, dass sie benachteiligt ist, sondern ja, es sind auch Fächer, wo sie merkt, da ist sie absolut vorne dabei. Das kann sie sehr gut und dafür wird sie gefeiert. Ja, das war die Entscheidung damals, die wir auch gar nicht bereuen. Mittlerweile ist Naila in jedem Fach dabei. Also sie braucht keinen Unterricht, in welchem sie extra Aufgaben erhält, sondern sie macht überall mit. Hat, ja, wie soll man sagen, hat sie aufgeholt. Würde ich vielleicht so auch nicht sagen, weil an der Schule schon auch ein anderes Pensum gilt. Also da ist der Druck nicht hoch und man ist auch nicht der Meinung, dass man so und so viel Stoff durchbringen muss, sondern es ist eher ein vertieftes Wissen, was da im Fokus steht. Ja, und für Naila ist es natürlich unglaublich gewinnbringend, dass sie mitmachen kann mit der Klassengemeinschaft und keinen Extraunterricht erhält. Für ihre Selbstwirksamkeit, für ihr Selbstbewusstsein, ihr Selbstvertrauen ist es unglaublich wichtig. Also für uns war das auf jeden Fall eine bahnbrechende Entscheidung. Ich bereue auch, dass ich die nicht viel früher getroffen habe. Aber wie du selber schon sagst, ihr Naila waren ihre Freundinnen immer sehr wichtig. Und ich wollte sie schon ein Jahr früher. Da hatte ich sie angemeldet. Wir hatten auch einen Platz an dieser Schule, aber Naila hat mich dann gebeten, das nicht zu tun. Und das sollte man natürlich auch nicht machen gegen die Entscheidung eines Kindes, das Kind umschulen. Also von da war es vielleicht doch die richtige Entscheidung, weil Naila dann am Ende in dieser Zeit auch selber meinte, ja, komm, wir wechseln die Schule.
SPEAKER_02Das stimmt. Irgendwann war es so weit, dass sie das selber auch nicht mehr aushalten konnte. Da erinnere ich mich auch dran.
SPEAKER_01Ja, und vielleicht auch durch die Bestärkung, die sie hier erhalten hat, durch die Lerntherapie. Weil sie dann nicht mehr, also sie hat sich dann selbstwirksam erlebt und hat das selber hinterfragt, was da stattfand. Wir haben es ja alle hinterfragt. Also wir haben denn, es gab Zeiten, da haben wir zwei Stunden jeden Tag gelernt. Das muss man sich mal vorstellen nach der Schule. Und dann haben wir damit aufgehört und haben gesagt, nach 45 Minuten, wir stellen uns einen Wecker, hören wir auf. Mehr machen wir nicht, weil das nicht, das ist schädlich für ihre Entwicklung, wenn wir da einfach sitzen. Also es fand ja ein Riesenumdenken in der Familie statt und auch in ihr. Und vielleicht war das auch dann mit ein Grund, dass sie sich entschieden hat.
SPEAKER_02Ja, das kann schon sein. Es gab so eine Zeit, wo wir sehr intensiv auch Gespräche hatten mit dir und deinem Mann und ich habe auch alles mit Naila besprochen und das hat sie garantiert auch reifen lassen. Wenn ich sie, also ich habe sie ja lange nicht gesehen. Ich habe sie zwei Jahre nicht gesehen. Ja, ich habe sie zwei Jahre nicht gesehen und würde ich sie wieder erkennen? Ja. Ja, sie streit immer noch.
SPEAKER_01Ja, aber ich meine, es ist eine junge Frau geworden, oder? Ja, ja, sie betont das auch. Sie sagt auch, Mama, ich bin jetzt Teenagerin und ich bin Jugendlich. Das kriege ich bestimmt einmal am Tag zu hören. Aber doch, man würde sie erkennen.
SPEAKER_02Ja, vielleicht muss man das wirklich mal machen. Sich mal treffen und mal so einen wie so Absolvententreffen. Ja, dass man sich mal trifft und vielleicht kann ich sie ja auch mal befragen, weil sie sehr reflektiert ist. Ja, wie bist du wie bist du, Naila, mit der Zeit umgegangen? Was hast du gefühlt? Ich hatte ebenso noch gedacht, sie hatte eine Phase, ich glaube, als ihr kamt, hatte sie Medikamente bekommen. Und dann habt ihr sie abgesetzt, dann habt ihr sie wieder angesetzt. Das war auch so eine Wellenlinie. Das vielleicht noch so zum Abschluss, weil das sehr interessant ist, auch für andere Menschen. Warum habt ihr die damals genommen und warum nimmt Naile heute keine Medikamente mehr?
SPEAKER_01Wir haben sie genommen, weil wir das für wichtig erachteten, die auszuprobieren und zu schauen, ob es ihr hilft. Also, dass sie vielleicht einmal dieses Bewusstsein hat, wie es ist, fokussiert zu sein und aufmerksam zu sein. Dass sie einmal in diese Wahrnehmung reinschnuppern kann, wie es neurotypischen Menschen geht. Und die Hoffnung war natürlich, dass es ihr helfen würde und sie dann im Unterricht viel besser zurechtkommt. Auch mit Themen, die sie so gar nicht interessieren. Aber es hat sie auch besser konzentrieren lassen tatsächlich, aber sie hat sich überhaupt nicht wohl mit diesen Medikamenten gefühlt, weil es ihr auch Dinge genommen hat. Also die Medikamente haben ihr Dinge genommen, die zu ihr gehörten und die sie an sich mochte. Wie hat sie das gesagt? Sie hat gesagt, Mama, mit den Medikamenten bin ich einfach nicht mehr so lustig. Das mag ich nicht. Ich möchte lustig sein. Und tatsächlich ist sie ein sehr lustiger Mensch. Und ja, ich habe sie auch in der Zeit gedämpft wahrgenommen. Genau.
SPEAKER_02Eingesperrt, hat sie mir mal gesagt. Ich bin dann eingesperrt, Karin. Das war eine große Leistung auch, dass selber wahrzunehmen. Aber du hast vollkommen recht. Es auszuprobieren und zu schauen, wie geht es mir, ist sicher auch, also das ist mir auch geblieben als Erfahrung von euch. Und das gebe ich auch manchmal so weiter. Nicht als Dauermedikation und Dauersituation, einfach als Erfahrung, sowas mal zu erleben, wie das ist, wenn man sich fokussiert? Wenn ich jetzt so die Dinge etwas auf den Punkt bringe, also wenn wir jetzt unser Gespräch beenden, würde ich gerne von dir einen Satz haben. Was meinst du? Was ist für Naila das Wichtigste beim Lernen?
SPEAKER_00Ja, Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmung. Dass sie auch selber entscheidet, mitentscheidet.
SPEAKER_01Also jetzt erlebe ich Naila, dadurch, dass sie ja auch merkt, sie kann jetzt mitmachen und sie hat Erfolg. Dass sie wirklich auch selbstständig lernt. Und sie ist dann stolz, wenn sie dann nur einen Fehler hat. Das vielleicht. Also ich habe Naila auch extra nochmal gestern befragt, wie war es in der alten Schule, einfach um mir nochmal ein Bild zu machen, um das in Erinnerung zu rufen. Und da hatte Naila gestern gesagt, da wurde ich unterdrückt. Und das ist das, sie konnte sich nicht ausleben. Und für Naila ist es wichtig, dass sie gesehen wird und dass sie beteiligt ist.
SPEAKER_02Nicht fremdbestimmt ist. Ja, vielen Dank. Das ist ein gutes Schlusswort. Vielen Dank, liebe Claudia.
SPEAKER_00Sehr gerne.
SPEAKER_01Ja, also was mir jetzt bewusst geworden ist und was ich auch gern teilen wollen würde, ist, dass diese ADHS-Diagnose, viele Menschen haben ja Sorge, ihr Kind diagnostizieren zu lassen, weil es das Kind in eine Schublade steckt und wo es dann vielleicht auch nicht mehr rauskommen kann und so weiter. Ich hatte auch die Sorge, aber letztlich war sie für uns erstmal gut, weil es war wie so ein Anker oder wie so ein Rückzug, um zu sagen, ja, es ist ADHS. Es mangelt nicht am Lernen oder am Üben und auch nicht an der Intelligenz, sondern sie hat eine andere Aufmerksamkeit. Und was ich bei Naila beobachtet habe, war dann als erstes so ein Verstecken hinter dem ADHS, so nach dem Motto, naja, ich habe ADHS, das kann ich halt nicht. Das ist so wie so ein Schild vor sich herzuschieben. Und mittlerweile ist sie da aber rausgekommen, wo ich total froh drüber bin. Und ja, weil sie so viele Erfolgserlebnisse jetzt auch haben hat oder auch die letzte Zeit hatte, dass sie sich eben nicht mehr dahinter versteckt. Sondern sie kann es wie die anderen mit ihrem ADHS und sie kann noch viel mehr mit ihrem ADHS. Und das ist so eine schöne Entwicklung. Da bin ich wirklich froh drüber.
SPEAKER_02Mit diesem Interview angesprochen, Sie sind neugierig geworden und wünschen sich mehr von diesen persönlichen Erfahrungen anders. Dann rufen Sie unsere nächste Folge auf. In vier Wochen sind wir wieder for you there. Ich würde mich freuen.