Woher? Wohin? Lernen neu denken – der Podcast vom Institut für Lernhemmungen
Kinder lernen unterschiedlich. Und manchmal merken Eltern: Mein Kind strengt sich an – und kommt trotzdem nicht mit.
Diese Podcastreihe ist für Eltern, die sich fragen. warum Lernen plötzlich so schwer wird. Und für alle, die spüren, dass Lernen mehr ist als Tempo, Noten und Vergleich.
Karin und Birgit sind Integrative Lerntherapeutinnen bei LernPlus Potsdam. Sie sprechen über kinder und Jugendliche, die anders wahrnehmen, anders denken und deshalb einen individuellen Weg fürs Lernen brauchen.
Nicht mit schnellen Lösungen. Sondern mit Zuhören, Verstehen und der Freiheit, Lernen neu zu denken.
Woher? Wohin? Lernen neu denken – der Podcast vom Institut für Lernhemmungen
Folge 2 – Mit Maike
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Ich begegne in meiner Arbeit vielen Kindern, die lernen wollen und trotzdem nicht mitkommen. Nicht, weil sie sich nicht anstrengen, sondern weil Lernen für sie anders funktioniert. Dieser Podcast ist aus vielen Gesprächen entstanden. Gesprächen mit Kindern, die sagen, ich verstehe das nicht, obwohl ich es versuche. Und mit Eltern, die spüren, dass ihr Kind mehr braucht, als Üben und Druck. In dieser Podcast-Reihe möchte ich Raum schaffen. Raum für Fragen, für Unsicherheit und für neue Perspektiven auf Lernen. Nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit Verstehen, Beziehung und der Überzeugung, dass jedes Kind seinen eigenen Lernweg hat. Hallo Maike, ich freue mich, dass du da bist. Ja, herzlichen Dank für die Einladung, liebe Karin. Wir haben eine neue Podcast-Reihe gestartet mit dem Thema woher, wohin lernen neu denken. Nun weiß ich, dass viele lernen neudenken und ich denke trotzdem, dass das, was wir jetzt vorhaben, ein neuer Weg sein könnte. Sonst würde ich es nicht tun. Ich stelle dich mal vor, du bist die Geschäftsführerin vom Fachverband für integrative Lerntherapie, Phil. Und dieser Fachverband ist für mich sehr bedeutend geworden. Und ich glaube und weiß mittlerweile, dass du mitentscheidend bist. Du hast sozusagen für mich als Lerntherapeutin vom Lern Plus hast du dem Phil eine Professionalität gegeben, die mir sehr, sehr gefällt. Es gibt einen neuen Weg für mich im Film. Und deshalb denke ich, sollten viele vom Phil erfahren.
SPEAKER_00Das freut mich natürlich sehr.
SPEAKER_01Ich bin nicht jetzt vielleicht drei Jahre. Ich weiß relativ wenig von dir. Ich weiß eben, dass du die Geschäftsführer bist. Seit wann eigentlich? Seit wann bist du? Seit 2020, also schon mehr als fünf Jahre. Ja, und was hast du da vorgemacht? Wie bist du eigentlich zur Lerntherapie gekommen?
SPEAKER_00Ja, eine spannende Frage, Karin. Aber erstmal, es freut mich sehr, dass ich heute hier sein kann, weil gerade die Öffentlichkeitsarbeit auch so wichtig ist, ja, Gesicht geben. Und es freut mich natürlich in diesem Sinne auch, dass ich ein Gesicht geworden bin für den Fachverband nach außen. Denn darum geht es ja im Großen und Ganzen auch, Beziehungen. Nicht nur in der Lerntherapie geht es um Beziehungen, sondern auch natürlich zu seinem Fachverband. Ich muss einen Bezug bekommen. Und das war mir in dieser Arbeit immer wichtig. Ja, wo komme ich her? Ich bin eigentlich vom Grundberuf her Sonderpädagogin, habe das aber auf damals noch Diplom, ich bin noch Diploma, Abschluss, auf Diplom studiert und zwar mit dem Schwerpunkt, der mich immer noch begleitet, Bewegungstherapie. Ich habe damals 1999, habe ich meinen Abschluss gemacht, sehr viel in der Psychomotorik gearbeitet, mit Kindern und Jugendlichen, viel in der Aufmerksamkeitsförderung. Habe meine Diplomarbeit damals auch geschrieben über ein Förderprogramm, was bestimmt einigen, die in der Lerntherapie unterwegs sind, auch geläufig ist, von Laut Schlottke, Training mit Aufmerksamkeitsgestörten Kindern, und habe das in Bewegung umgesetzt. Das war meine Diplomarbeit, habe da ein Zirkusprojekt mit Kindern ins Leben gerufen, was ich fünf Jahre auch geführt habe. Und dieser Ansatz aus der Bewegungsförderung ist mir auch in meiner lerntherapeutischen Tätigkeit dann immer noch eine ganz große Basis geblieben. Ich bin dann mit diesem Abschluss Rehabilitationspädagogik, hieß es mit dem Schwerpunkt Bewegungstherapie, bin ich dann 2000, das heißt recht schnell nach Abschluss nach Berlin gekommen. Und zwar auf eine Ausschreibung, es wurde eine Lerntherapeutin gesucht. Und dieser Begriff Lerntherapie war für mich damals noch recht frisch. Ich musste mich erstmal erkundigen, worum ging es überhaupt. Das war hier in Berlin bei einem großen Träger, Legastheniezentrum Berlin, wo eine andere Kollegin war, die kam auch aus der Pädagogik, Montessori-Pädagogik und aus der Lerntherapie, war auch lange im Vorstand im Film tätig. Und mit der habe ich zusammen im Tandem die Lerntherapie entwickelt, hier in Berlin im Legastenitz. Die anderen Kollegen kamen alle aus der Psychotherapie. Also Psychotherapie oder Lerntherapie, lerntherapeutische Behandlung im Rahmen der Psychotherapie, war hier schon gewachsen aus der FU-Bewegung und jetzt kam dieser pädagogische Aspekt nochmal mit dazu. Und ja, dort habe ich lange Jahre gearbeitet als Lerntherapeutin im ambulanten Bereich. Wie gesagt, habe immer versucht, meinen Bewegungsansatz da mit reinzuweben. Das passte auch sehr gut mit der Montessori-Pädagogik zusammen, also sehr handlungsaktiv zu arbeiten mit der Kollegin zusammen. Und bin dann doch recht schnell auch in Schule gelandet, weil mir dieser erst einmal ein Gruppensetting durch meine Ausbildung in der Psychomotorik immer sehr nah war. Ich auch viele Kinder in der Lerntherapie hatte, die, wo ich gesagt habe, im zweiten Jahr kann ich mir gut Gruppe vorstellen mit den Kindern. Ja, im ersten Jahr ist das immer, wenn die Kinder gerade über Jugendamtsfinanzierung kommen mit einer drohenden seelischen Behinderung, ist ein Einzelsetting in den meisten Fällen sehr angebracht. Aber im zweiten Jahr hat es sich bei einzelnen Kindern wirklich auch als sehr lohnend herausgestellt, da eine Kleingruppe, ja, zwei Kinder waren das meist, zu bilden, um aus dieser engen Beziehung langsam zurückzutreten, um den Kindern ja mal mehr Mitarbeit, Zusammenarbeit möglich zu machen. Und bin dann 2000, wann war denn das? Muss ich nochmal nachdenken, schon so lange in der Lerntherapie. 2004, 205 muss das gewesen sein, habe ich das erste Projekt, Modellprojekt Lerntherapie in Schule hier in Berlin aufgebaut, damals mit enger Zusammenarbeit mit der Schulpsychologie im Bezirk Tempelhof-Schöneberg und mit dem Jugendamt. Das war also von beiden oder von allen drei Seiten gewollt, freier Träger Schulpsychologie und Jugendamt. Und habe sehr, sehr gerne und ich finde auch erfolgreich in Schule gearbeitet. Und zwar mit dem Gedanken, wirklich von Anfang an den Kindern Hilfe zukommen zu lassen. Also ab dem ersten Schuljahr, wenn was auffällig ist, wenn sich Leid verdichtet, wenn den Lehrern was auffällt, da als Expertin mit reinzugehen, habe dann auch präventive Angebote gemacht, Gruppenangebote in dem Sinne auch, aber auch Einzeltherapie, Jugendamtsfinanziert, wie auch mit Selbstzahlern und finde dieses Konstrukt, die Lerntherapie ein bisschen breiter zu denken, wirklich sehr, sehr sinnvoll. Und das ist auch, um jetzt wieder zurückzuschwenken zum Fachverband, finde ich auch eine wichtige Aufgabe, dieses Tätigkeitsfeld Lerntherapien nochmal anders zu setzen. Also Lerntherapeuten können gerade im Übergang zur Schule wunderbar tätig sein, ja, im präventiven Bereich, Brückenkompetenzen aufbauen. Aber auch in den ersten zwei Schuljahren, ja, um einfach früh intervenieren zu können, früh Hilfe anzubieten. Unser Kernbereich ist natürlich die Grundschule, weil da findet Lesen, Schreiben und Rechnen statt. Aber auch bis hin zu jungen Erwachsenen und Erwachsenen. Es gibt immer noch so viele Menschen in Deutschland, die nicht adäquat lesen, schreiben und rechnen können. Und da bin ich wieder beim Auftrag von was Größerem, ja, also das wäre dann Fachverbandsauftrag, hier die Felder deutlicher zu machen, zu öffnen, ja, zu beschreiben, was machen Lerntherapeuten. Und da sind wir jetzt wieder bei deiner Ausgangsfrage angekommen.
SPEAKER_01Ja, das ist gut, das ist ein großer Bogen. Und ja, was hat dich eigentlich immer interessiert? Ich denke, die Bewegung, die Psychologie, ich sage erstmal den Psychagogen, das hat dich interessiert, das Größere hat dich interessiert. Wenn du jetzt den Fachverband siehst, du hast ihn jetzt sechs Jahre geführt schon. Was hat sich verändert? Was meinst du, was ist anders geworden in den letzten Jahren im Fachverband?
SPEAKER_00Ja, also das hoffe ich, das kannst du mir rückspiegeln, ob das anders geworden ist, Karin. Ich finde, der Fachverband oder die Mitglieder, die natürlich hinter dem Fachverband stehen, es sind jetzt über tausend, ja, die wir in Deutschland haben, haben so viel unterschiedliches Expertenwissen, dass mir die Vernetzung besonders am Herzen liegt. Also wir haben Kolleginnen mit psychotherapeutischer Ausbildung, mit systemischer Ausbildung, mit unterschiedlichsten, ja, eine gekommen aus der Pädagogik, andere aus der Psychologie, andere wieder aus dem Lehramt. Und das macht die Lerntherapie in den Facetten auch so vielfältig und wertvoll. Und ich finde, wir können noch mehr von unserem Wissen profitieren. Deswegen war mir diese Online-Akademie ein wichtiges Anliegen, die ich glaube, die mittlerweile sehr gut besucht ist. Und wir haben sie ja als gemeinnütziger Verband auch für Interessierte geöffnet. Das finde ich auch nochmal wichtig, auch mal über die Grenzen drüber zu schauen, auch mal in die Logopädie zu schauen, in die Ergotherapie. Das heißt, die sogenannten Nachbardisziplinen, mit denen wir auch oft zusammenarbeiten, also ein Kind haben, was gleichzeitig in der Logopädie ist oder in der Logopädie war, ja, und hinter in der Lerntherapie mit mir arbeitet, dass es hier auch zum Austausch kommt der verschiedenen Professionen, um Lerntherapie auch weiterzuentwickeln. Weil die Lerntherapie, und das ist das, was mich immer noch sehr begeistert und trägt und fasziniert an diesem Beruf, ja auch so eine ganz breite Palette hat. Das macht es herausfordernd, ja, das macht es aber auch immer wieder interessant. Also du hast es schon erwähnt, einmal den psychologischen Hintergrund, einmal natürlich auch den pädagogischen, dann aber auch den fachdidaktischen und therapeutischen Blick. Und das ist zum Beispiel auch etwas, wo ich mich sehr darüber freue, dass wir viele Psychotherapeutinnen jetzt auch als Mitglieder gewinnen können oder die lerntherapeutische Weiterbildung, Expertise sich noch dazu holen. Weil gerade wenn man mit Kindern arbeitet, die noch in die Schule gehen, ist es natürlich eine ganz zentrale Entwicklungsaufgabe, lesen, schreiben und rechnen zu lernen, teilhaben zu können an der Gesellschaft. Und wenn ich da als Psychotherapeutin nochmal andere Werkzeuge, Instrumente, nochmal andere Tools an die Hand bekomme, um wirklich im Lernbereich auch andocken zu können, habe ich nochmal eine größere Palettenvielfalt. Und ich kann Kindern wunderbar, ja, auch wenn sie vielleicht mit einer Angststörung kommen, ja, kann ich wunderbar sichtbar machen. Guck mal, du hast dich jetzt dran getraut und schau mal, wie viele Sätze du jetzt mehr gelesen hast in der Zeit als letzte Woche. Ich kann Erfolge wunderbar sichtbar machen in der Lerntherapie, ja. Und damit bin ich eigentlich immer auch mit im psychisch-emotionalen Bereich. Also nochmal auf deine Frage zurückzukommen, also gerade diese Vernetzung der Expertise, ja, einmal über die Grenzen hinaus, aber dann auch das Anknüpfen des Wissens der Mitglieder in Deutschland. Ich glaube, das trägt ganz, ganz viel und das müssen wir noch deutlicher. Und ich glaube, da ist uns der erste Schritt gelungen. Da bin ich stolz drauf.
SPEAKER_01Ja, also aus meiner Sicht sowieso. Ich bin sehr froh darüber. Was mich besonders freut, ist, dass der Phil sehr viel für junge Lerntherapeuten macht. Also die Vernetzung vom Phil zu den Universitäten, zu Ausbildungseinrichtungen, zu Weiterbildung, Wege zu finden, junge Menschen für diesen Beruf zu finden. Ja, da würde ich dich auch nochmal bitten, darüber zu erzählen, weil das ist ein Moment, dafür habe ich, glaube ich, die letzten 20 Jahre immer auch gearbeitet, dass ich gedacht habe, wo sind die jungen Menschen, die gut ausgebildet sind, die eine gute Qualität haben, was ist eine gute Qualität? Das ist alles definiert mittlerweile, es hat sich viel getan, die Jugendämter sind im Boot. Also es ist eine Anerkennung entstanden durch den Phil, die finde ich großartig. Ja, erzähl mal, was macht ihr für die jungen Leute in diesem Beruf Lerntherapie?
SPEAKER_00Ja, da sprichst du natürlich noch einen ganz zentralen Punkt an, auch als Aufgabe und Ziel des Fachverbandes, ja, Qualität, erstmal Standard zu entwickeln, aber dann auch Qualität zu sichern. Das war ja von Anbeginn, also den Fachverband gibt es ja jetzt seit über 35 Jahren, gegründet von Helga Bräuninger, von Anbeginn war das eine zentrale Aufgabe. Also auch auszubilden und mitzunehmen. Und da hat sich in den letzten Jahren wirklich viel getan. Wir haben seit 2005 auch die Richtung akademische Ausbildung mit dazu bekommen. Vorher waren es berufsbegleitende Weiterbildungsinstitute, die haben wir immer noch am Markt, die sind auch weiterhin wichtig, weil, wie gesagt, viele auch schon erfahrene Menschen, Personen aus Berufen wie Lehramt kommen, oder Psychologen oder Psychotherapeuten, ja, die machen keine akademische Ausbildung mehr, brauchen sie auch nicht. Da geht es darum, das eher praxisorientiert zu machen, berufsbegleitend. Aber wir haben Bachelorstudiengänge dazu bekommen, das begrüße ich sehr, ja, also wirklich vom Abitur an, ja, kann man Lerntherapeut oder integrative Lerntherapie studieren. Und wir haben Masterstudiengänge dazu bekommen, Masterstudium, integrative Lerntherapie, was natürlich diesen Beruf Lerntherapie auch nochmal auf ein anderes Niveau hebt. Eine Masterausbildung, Masterstudiengänge sind ja per se anerkannt. Da ist es unsere Aufgabe, jetzt als Fachverband wirklich Möglichkeiten der Anstellung zu schaffen. Da ist im Bildungssystem, in Schule, möglicherweise auch in Kindergärten, wo es auch wertvoll sein kann. Und hier mit dem frisch verabschiedeten Berufsbild, was wir ja 2024 auch auf den Weg gebracht haben, hier die Grundlage zu legen, damit man hier auch nicht nur eine gute Qualitätssicherung hat, sondern auch adäquat vergütet wird. Das ist einmal die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern, wo ja viele Lerntherapeuten eine Finanzierung drüber laufen haben, die selbstständig in eigener Praxis tätig sind, aber auch zu schauen, wie kann man denn in diesem Beruf auch im Bildungssystem Fuß fassen. Denn das gibt nochmal andere Möglichkeiten, hier, wie gesagt, von Beginn an dabei zu sein, wie ich von meiner schulischen Tätigkeit erzählt habe. Ich brauche keine Anträge stellen, ich bin einfacher an den Eltern dran. Ich kann dann sofort und flexibel mit den Kindern arbeiten, wenn Bedarfe entstehen. Ansonsten ist das alles an lange Antragswege gebunden. Aber zu deiner Kernfrage nochmal zurück. Also ganz, ganz, ganz wichtige Aufgabe, die wir auch weiterverfolgen. Wir haben ja die Weiterbildungsordnung, die uns schon seit Beginn an begleitet, wo diese wichtigen Module Pädagogik, Psychologie, Therapie, aber auch Fachdidaktik eine große Rolle spielen. Und haben jetzt ja auch jüngstens, da bist du ja auch mit im Boot, liebe Karin, das neue Zertifikat für Ausbildungspraxis angeschoben, um wirklich in der Praxisausbildung, die parallel zu der Theorie ein ganz, ganz wichtiges Standbein ist, weil Therapeutin werde ich in der Arbeit mit den Menschen. Theoretisches Wissen im Hintergrund ist ganz wichtig, aber in der Anwendung und unter Supervision werde ich zur Therapeutin, dass wir hier gute und erfahrene Menschen in der Praxis haben, die die Lerntherapeuten in Ausbildung auch gut begleiten können. Damit sie ihre Fälle gut vorbereiten können, die Materialien an der Hand haben, aber auch immer eine Frage stellen können. Deswegen bin ich auch froh, dass du im Raum Potsdam hier mit im Boot bist.
SPEAKER_01Ja, das stimmt. Ich freue mich auch sehr, dass ich das darf und dass wir da auch einen Weg für junge Menschen finden. Das ist etwas, was mir sehr gefällt. Ich frage mich immer, wenn ich versuche, das Besondere einer Lerntherapie zu formulieren. Dann frage ich mich immer, was ist denn eigentlich das Besondere? Wie kann man das in Worte fassen? Wir wissen klar, wir brauchen eine gute Ausbildung, wir brauchen Menschen, die ethisch, humanistisch, demokratisch ticken. Also für mich ist dieser humanistische Gedanke ein ganz besonderer. Wir brauchen Menschen, die sich selber kennen, die richtig sich verhalten können in schwierigen Prozessen, die auch ganzheitlich ticken, die schauen, zu den Nachbarfeldern und Kontakt knüpfen können. Also wirklich ganz, ganz spannendes Berufsbild. Und wenn ich dann mich auf die Kinder einlasse, ja, was brauche ich denn da eigentlich? Hast du da für dich schon mal so eine Sprache gefunden? Jetzt, ich meine jetzt nicht das Wissenschaftliche. Ich meine jetzt wirklich dieses fein abgestimmte Arbeit mit dem Kind.
SPEAKER_00Ja, ich stelle ja oft die Lerntherapie auch bei unseren Bildungsträgern vor und muss das auch in kurze Worte fassen. Also das Gleiche vor die Aufgabe stellst du mich jetzt auch. Und ich beginne immer mit dem Satz, wo ich völlig hinterstehe, dass Lerntherapie ist für mich immer noch der schönste Beruf, einer der schönsten Berufe der Welt. Gerade aus den Gründen, die du auch schon angesprochen hast, wenn man es professionell macht, ist es ein beständiger Weg zu sich selbst. Weil erstmal brauche ich eine gute Beziehung natürlich, ich muss immer gute Beziehungsräume öffnen. Dafür muss ich mich selbst auch gut versorgen können. Das ist ein ganz, ganz wichtiger Faktor in allen therapeutischen Berufen. Und mit jedem Kind ist der Weg in der Lerntherapie wirklich was ganz Individuelles. Ich finde, das macht die integrative Lerntherapie, also nochmal, gerade in Abgrenzung zu Nachhilfe und anderen, ja, macht es nochmal besonders aus. Keine LAS ist gleich, keine Diskalkulie ist gleich, alle Kinder sind anders und ich begebe mich mit jedem Kind auf eine eigene Forschungsreise. Und das berührt mich immer wieder oder hat mich berührt. Mittlerweile bin ich ja leider nicht mehr mit Kindern tätig, weil das Aufgabenfeld des Fachverbands so groß geworden ist. Ich vermisse es häufig, dass man sich mit jedem Kind wirklich auch immer auf seine eigene Spurensuche macht. Ich habe eine eigene Lerngeschichte, ich habe eine Geschichte von Schule, alle haben eine Schulgeschichte, wenigstens die meisten, die nicht aus anderen Ländern kommen oder vielleicht zu Hause unterrichtet worden sind. Das heißt, ich kenne diese Situation, wenigstens ich kann es gut nachfühlen, in großen Klassen, in großen Gruppen zu sein, sich was nicht zu trauen. Also ich glaube, ich kann mich auf jeden Fall, und das war in meiner Kernaufgabe, gut in die Kinder, die mir gegenübersitzen, hineinversetzen. Und das ist ja auch ein Ziel oder eine Kernaufgabe von Lerntherapie, empathisch zu begleiten, auf dem Weg mit zu begleiten. Und als Bild habe ich immer dabei, ich gehe neben dem Kind, ja. Ich gehe nicht vorne und habe ein Seil und Ziehe oder ich drücke nicht von hinten, sondern ich gehe daneben und gebe genug Raum. Und das ist so die Kunst. Das ist die Kunst in allen therapeutischen Kontexten, gerade nochmal Psychotherapie und Lerntherapie, die ja doch enge Verbindungen haben. Genug Raum zu lassen, die Bindung zu halten, ja, und immer zu schauen, dass das Kind genug Sicherheit hat, ja, aber auch genug Freiraum, eigene Schritte zu gehen. Und das ist dann im Bereich eben auch nochmal pädagogische Bezüge, psychologische Bezüge und auch im fachdidaktischen Bereich, genau die Ebene zu treffen, wo das Kind to erfolgen kommen kann. Das ist dann die hohe Kunst, ja. Aber wirklich individuell immer bei jedem Kind anders, ja. Ich muss my instrument, my method immer auf the kid ausrichten. And that makes it so spannend und finde ich am Ende auch immer höchst befriedigend, ja. Und gerade aus den Prozessen, wo ich ganz viel Supervision nehmen musste, wo ich gedacht habe, um Gottes Willen, wie bereite ich diese nächste Stunde vor? Daneben habe ich immer am meisten mitgenommen. Weil ich damit immer noch drei Schritte zu mir selbst gekommen bin. Warum triggert mich dieses Kind so? Das in die Supervision mitzunehmen, in die kollegiale Fallberatung. Was ist da? Warum komme ich da nicht weiter? Hat es auch Anteile, die ich in mir suchen muss? Und häufig hat es auch Anteile, die ich verändern kann. Und gerade diese Kinder sind mir in enger Verbindung geblieben. Und manchmal finde ich es dann deswegen auch so schade, dass diese intensive Arbeit mit den Kindern, oft sind es ja zwei Jahre im Kern, die wir mit den Kindern arbeiten, manchmal ein drittes Jahr, aber im Kern sind es eher anderthalb bis zwei. Und diese 50 Minuten in der Woche, wenn man es mal runterbricht, sind so intensiv. Ich habe selber drei Kinder und überlege mal, wann habe ich diese 50 Minuten volle Konzentration und Aufmerksamkeit für ein Kind? Also das ist höchst selten. Das kann ich an meinen zwei Händen abzählen, obwohl die meisten Kinder jetzt schon fast im Erwachsenenalter sind. Und ich glaube, dass diese intensive Zeit auch sehr trägt. Das habe ich von vielen Kindern rückgemeldet bekommen, die ich dann Jahre später in Berlin wieder getroffen habe in irgendeiner anderen Situation an der Supermarktkasse. Und die mir nochmal rückgemeldet haben, wie toll diese Zeit war, ja, wie viel sie mitgenommen haben und im besten Fall auch, dass sie die Schule geschafft haben, dass sie im Beruf gelandet sind, ja. Aber auch, wie wertvoll es war, diese Zeit miteinander zu teilen.
SPEAKER_01Ja, das ist großartig. Das ist, ich glaube auch, Lerntherapie ist für Kinder wirklich ein Geschenk. Wir sagen immer, wir gucken und stärken die Kinder, dass sie selber ihren Weg zum Lernen finden. Also diese Selbsterfahrung dürfen die Kinder bei uns machen. Und wir gehen immer von den kraftvollen Situationen aus. Wir stärken sie in ihrem Selbstwert und in ihrer Kraft. Und wenn sie nach anderthalb oder zwei Jahren nicht mehr zu uns kommen müssen, dann sind sie oft viel kraftvoller als die anderen Kinder in ihrem Alter, weil sie nämlich eine Erfahrung gemacht haben, die ganz speziell und nur für sie gilt. Das finde ich großartig. Also ich liebe diesen Beruf auch sehr und ich freue mich, dass dieser Beruf immer kraftvoller wird und in eine Position gerät, wo auch andere diese Erfahrung machen dürfen. Und eine Sache haben wir noch vergessen, finde ich, die würde ich gerne nochmal ansprechen. Diese Stärke, die die Lerntherapeuten in ihrer Professionalität den Schulen geben. Ich meine, dass wir die Eltern stärken in dieser Entwicklung. Das ist auch ein Punkt, der so bedeutend ist, weil wir uns alle verändern. Das Kind verändert sich, die Eltern verändern sich. Der Therapeut sowieso mit jedem Kind. Es ist immer eine neue Erfahrung. Aber ich merke auch, dass die Schulen an diesen Prozessen wirklich kraftvoller werden und eine andere Sicht zu dem einzelnen Kind bekommen. Und deswegen denke ich, ist das auch irgendwie Lernen, Neudenken, auch für die Schulen, wenn sie die Erfahrungen mit Lerntherapeuten und mit Kindern machen, die man gemeinsam betreut. Hast du da vielleicht auch schon mal so ein Bild gehabt, wo du gedacht hast, boah, die Lerntherapeuten sind wirklich auch ein Medium für die Schulen?
SPEAKER_00Ja, ich habe ja die Vision, Karin, dass jede Schule wenigstens einen Lerntherapeuten an der Seite hat, ja. Und so wie du das beschrieben hast, viele Schulen machen sich auf den Weg. Weil die Bedarfe einfach in der Form, wie Schule gerade strukturiert ist, nicht mehr gut auffangbar sind. Und gerade die Corona-Zeit hat uns auch nochmal gezeigt, wie wichtig Beziehung ist, ja, und wie wenig Zeit oft für Beziehung ist, ja, genauer hinzuschauen. Und ich würde mich sehr freuen, das ist schon meine Vision, wenn Lerntherapeuten mehr in Schulsystemen mitwirken können, mitarbeiten können, gerne auch mit einer festen Anstellung. Es gibt ja verschiedenste Möglichkeiten, mit einem freien Träger von außen zu kommen, ja, oder direkt im Team mitzuwirken, um auch Schulentwicklung gemeinsam anzuschieben. Also nicht nur adaptiv nebenbei, ja, oder wie das Kind oft neben der Schule, nach der Schule noch in Lerntherapie kommen muss. Als Lerntherapeut hat man ja immer Gespräche mit Lehrkräften, immer Gespräche mit Eltern. Aber am Lernort der Kinder mitzuwirken, hat nochmal eine andere Qualität. Und das habe ich, als ich fünf Jahre in Schule tätig war, habe ich das sehr geschätzt, dass ich ein Fach hatte, wo alle Lehrer ja auch ihre Arbeiten reinlegen konnten. Ich mit den Eltern und mit den Lehrkräften gemeinsam Gespräche führen konnte. Das heißt, es vernetzt sich am Lernort der Kinder ganz anders. Und das habe ich in der ambulanten Lerntherapie häufig ein bisschen vermisst. Andererseits muss man auch dazu sagen, es wird auch immer wieder Kinder geben, davon bin ich auch überzeugt, die einen geschütztereren Raum brauchen. Die nicht in Schule so versorgbar sind. Da brauchen die Eltern vielleicht nochmal einen geschützten Raum, das Kind braucht einen geschützteren Raum. Da sollte auch therapeutisches Setting außerhalb von Schule möglich sein. Aber ich glaube gleichzeitig, dass wir ganz viele Kinder in Schule versorgen können, wenn wir früh genug dran sind. Dass es nicht erst, wie es in der Lerntherapie häufig so ist, zwei Jahre beschult werden muss, bevor eine Diagnostik laufen kann, ja, und eine Teilleistungsstörung bescheinigt werden kann, die Fachdienste, die Eltern müssen Anträge stellen. Und so kann man früh, flexibel und gemeinsam sofort Hilfen anbieten, dass sich das Leid nicht erst so verwickeln und verdichten muss. Das hast du bestimmt auch als Erfahrung, Karin, ja, zu Hause explodiert es ja, die Hausaufgaben, ja, die Eltern sind unsicher, sie können nicht mehr in Beziehung gehen, sondern es ist immer nur Stress, ja. Und wenn das dann auch noch dazukommt und das Kind auch noch in der Schule so leidet, dann habe ich wirklich wenigstens eine drohne seelische Behinderung. Und diese Therapiebedürftigkeit, ja, ich glaube, die kann ich mindestens ein bisschen verringern, wenn ich frühzeitig als Expertin mit dabei bin. Deswegen würde ich mir das sehr wünschen, dass Lerntherapeuten mit ihrer Expertise, genauso auch Logopäden und Ergotherapeuten, das ist auch zu wünschen, dass multidisziplinäre Teams an Schule Einzug finden und auch verlässlich finanziert werden. Das geht nicht, wie das häufig so ist, mal ein Jahr zu sagen, wir haben jetzt Mittel, dann baut man ein multiprofessionelles Team auf und dann sind die Mittel weg und alles bricht wieder weg. Also man braucht eine Verlässlichkeit in der Finanzierung, man braucht eine Verlässlichkeit in der Aufgabenbeschreibung. Denn Lerntherapeuten sind, wenn sie nicht ausgebildete Lehrer sind, auch keine ausgebildeten Gruppenmenschen, ja, die kann ich da nicht einfach für, fällt mal kurz Unterricht aus, mach du den Mathe-Unterricht vor die Klasse setzen, was wir auch schon erlebt haben. Das heißt, da spielt uns das Berufsbild auch wieder in die Hände. Wir brauchen eine klare Beschreibung, was können Lerntherapeuten, was müssen Lerntherapeuten können, ja, was müsste man können, um sich integrative Lerntherapeutin nennen zu dürfen. Wir brauchen diese Qualitätsstandards und die Qualitätssicherung, um den Beruf wirklich auf solide Füße zu stellen und hier Arbeitsplätze zu schaffen, die auch gut und der Ausbildung adäquat vergütet werden.
SPEAKER_01Ja, sehr gut. Ich denke, das ist großartig. Vielen Dank für diese umfängliche Information über dich und über den Film und die Haltung des Filts, die du widerspiegelst. Wenn du jetzt einen Schlusssatz sagen würdest, hast du da eine Idee?
SPEAKER_00Hey, immer auf einen Punkt gebracht. Wir brauchen mehr Lerntherapeutinnen. Die Bedarfe sind riesig. Die Eltern rufen teilweise hier in der Geschäftsstelle an und sind verzweifelt, weil die Wartelisten so lang sind. Vielleicht als Schlusssatz, ich hoffe, es erreicht viele Hörer, die vielleicht noch überlegen, wo möchte ich hin, ja. Es ist ein toller, sinnsstiftender, zukunftsorientierter Beruf. Wir brauchen diese Beziehungsarbeit, gerade wenn wir KI mitdenken, ja, je bedeutender die KI wird, um ins Lernen hineinschwebt, desto mehr brauchen wir auch Menschen, die gut in Beziehung gehen können. Nicht nur die Lehrer, sondern auch wir als begleitende Therapeutin im Bereich Lernen. Ich würde mir wünschen, dass viele junge Menschen gerade auch diesen Beruf entdecken und diesen Beruf auch ergreifen. Und je mehr Menschen wir in der Welt haben, die diese Qualität auch tragen und weiterentwickeln und in die Bildungssysteme ihre Wirkung einspülen, desto besser können wir die Bedarfe der Kinder auch erreichen. Schlusssatz.
SPEAKER_01Ja, wunderbar. Vielen Dank. Vielen, vielen Dank, liebe Maike. Und ja, wir sehen uns.
SPEAKER_00Wir sehen uns, hören uns, Karin. Viel Erfolg weiterhin und danke für die Einladung.
SPEAKER_01Ja, sehr, sehr gerne. Bis dann. Tschüss. Ich habe Sie mit diesem Interview angesprochen. Sie sind neugierig geworden und wünschen sich mehr von diesen persönlichen Erfahrungen und Geschichten. Dann rufen Sie unsere nächste Folge auf. In vier Wochen sind wir wieder für Sie da. Ich würde mich freuen.