Woher? Wohin? Lernen neu denken – der Podcast vom Institut für Lernhemmungen
Kinder lernen unterschiedlich. Und manchmal merken Eltern: Mein Kind strengt sich an – und kommt trotzdem nicht mit.
Diese Podcastreihe ist für Eltern, die sich fragen. warum Lernen plötzlich so schwer wird. Und für alle, die spüren, dass Lernen mehr ist als Tempo, Noten und Vergleich.
Karin und Birgit sind Integrative Lerntherapeutinnen bei LernPlus Potsdam. Sie sprechen über kinder und Jugendliche, die anders wahrnehmen, anders denken und deshalb einen individuellen Weg fürs Lernen brauchen.
Nicht mit schnellen Lösungen. Sondern mit Zuhören, Verstehen und der Freiheit, Lernen neu zu denken.
Woher? Wohin? Lernen neu denken – der Podcast vom Institut für Lernhemmungen
Folge 1 – Mit Mandy Illok
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Ich spreche mit Mandy Illok …
Ich begegne in meiner Arbeit vielen Kindern, die lernen wollen und trotzdem nicht mitkommen. Nicht, weil sie sich nicht anstrengen, sondern weil Lernen für sie anders funktioniert. Dieser Podcast ist aus vielen Gesprächen entstanden, Gesprächen mit Kindern, die sagen, ich verstehe das nicht, obwohl ich es versuche. Und mit Eltern, die spüren, dass ihr Kind mehr braucht, als Üben und Druck. In dieser Podcast-Reihe möchte ich Raum schaffen. Raum für Fragen, für Unsicherheit und für neue Perspektiven auf Lernen. Nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit Verstehen, Beziehung und der Überzeugung, dass jedes Kind seinen eigenen Lernweg hat. Heute ist Mandy zu Gast. Mandy ist Mutter von Phoenix, die heute fast 16 Jahre alt ist. Er wird im Mai 16. Phoenix war vier Jahre im Lernen Plus und hat zusammen mit der Lerntherapeutin das Lernen gelernt. Das wollen wir jetzt Mandy fragen, ob das so ist. Hat Phoenix das Lernen gelernt? Was hat er gelernt? Wie war, als er anfing im Lernen Plus zu lernen, anders zu lernen und mit der Lerntherapeutin seinen eigenen Lernweg zu finden? Hallo, Mandy. Hallo. Schön, dass du da bist. Ich freue mich sehr, dass du die Kraft hast, dir nochmal die Geschichte von Phoenix anzuschauen. Phoenix ist das größte Kind, was ich kenne. Wie groß ist er jetzt?
SPEAKER_00Ich denke, 1,90 Meter könnte schon geknackt sein.
SPEAKER_01Genau. Und als du damals gekommen bist, hast du gesagt, der größte Vater hat das kleinste Kind bekommen. Kannst du dich daran erinnern? Ja. Also Phoenix war ganz klein, ja. Erzähl mal.
SPEAKER_00Er war bei der Geburt ganz, ganz klein. Er war so groß wie eine Babyborn-Puppe. 42 cm. Und mein Mann ist über zwei Meter groß. Und das war für alle der größte Widerspruch. Da muss irgendwas nicht stimmen. Und schon damals war uns klar, da stimmt alles, ihr müsst nur warten. Und ich glaube, das war damals so unser Weg. Selbst der Kinderarzt hat damals gesagt, nee, man kann ja auch niemals alles mit einmal aufholen, da macht der Körper ja gar nicht mit. Es muss immer Stück für Stück gehen. Und wenn ich das heute überlege, dann war das damals eigentlich schon klar. Ich wusste es nur einfach nicht. Und so kam es, dass es in der Schule irgendwie auch nicht so ging, wie das vielleicht bei allen anderen ist.
SPEAKER_01Ihr wohnt in einer Straße, in der am Ende der Straße die Schule ist. Ihr habt das sehr gut. Es ist eine kleine Schule, eine Grundschule. Wenn man sie sieht, als ich sie gesehen habe, habe ich gedacht, wow, was für eine gemütliche Schule. Alles so griffbereit und klein. Wie ging es Phoenix in dieser Schule?
SPEAKER_00Ich glaube, für jedes Kind, also jedes Kind muss erstmal gucken, wo es sein Platz findet. Das war im ersten Jahr auch sehr muckelig. Und es war aber nie leicht, aber auf jeden Fall mit einer ganz, ganz warmen Person. Und es hat sich verändert, als die warme Person nicht mehr da war. Dann war es nicht mehr klein und gemütlich, sondern einsam und kalt. Dann hat gar nichts mehr gepasst. Dann war alles schwierig, dann ging gar nichts mehr. Und dann fing der Druck an.
SPEAKER_01Weißt du noch, wann das war? War das in der ersten Klasse?
SPEAKER_00Nee, das war Mitte zweiter Klasse. Die Erwartungen wurden größer, Kinder sollten Bücher lesen, Kinder sollten Texte lesen, Betonung dabei haben, Nomen groß schreiben, Adjektive klein. Pünktlich sein, freundlich sein, lieb sein, also unwahrscheinlich viel, was man sein sollte. Und es war überhaupt nicht unser Tempo.
SPEAKER_01Was passierte mit Phoenix in der Zeit?
SPEAKER_00Hat sich ganz neu zurückgezogen, er ist ganz neu wütend geworden. Wir haben als Eltern, glaube ich, immer eher versucht, angepasst zu reagieren. Ja, und in der Schule, das wird schon und bleibt dran. Und Phoenix hat da selbst immer schon gewusst, das ist Mist. Das passt nicht zu mir. Da haben wir, glaube ich, auch lange aneinander vorbeigeredet, lange versucht, umsonst zu motivieren, und haben gar nicht richtig hingehört, und es ging ihm unwahrscheinlich schlecht. Wir haben ihn dann auch testen lassen. Wir haben so einen Sticker drauf geklebt. Ich sehe mich da auch noch in diesem Institut sitzen, und dann hat man so einen Mathe-Knacks und Deutsch geht auch nicht so richtig. Und dann kommt man nach Hause und dann soll man das irgendwem erzählen, was man überhaupt selber nicht versteht. Und dann findet man da irgendwie schöne Worte, und dafür gibt es gar keine schönen Worte. Es ist blöd.
SPEAKER_01Mandy, wie hat die Schule auf Phoenix reagiert? Hat sie mitbekommen, dass er keinen Weg hatte, für sich zu lernen?
SPEAKER_00Ich würde sagen, das war Schule gar nicht bewusst. Es hat einfach einen Weg zu geben. Und von daher haben wir, glaube ich, auch lange hin und her und aneinander vorbeigeredet. Das gab einen Weg und wer diesen nicht geht, geht halt nicht. Und das ist ja auch immer noch mein Weg. Das akzeptiere ich nicht. Für mich bleibt keiner auf dem Weg. Es darf jemand langsamer laufen, es darf jemand Sprünge machen. Man muss manchmal vielleicht auch ein Stück zurückzugehen. Und ich habe gelernt, das ist manchmal auch der Anlauf für einen richtig großen Sprung. Und das war mein Gefühl, dass es das vorher noch nicht gab. Und das hat nichts mit richtig oder mit falsch zu tun, sondern das ist für mich Lernen. Und da hartnäckig dran zu bleiben und das immer wieder einzufordern, auch über gerollte Augen hinweg zu gehen, auch die Helikopter Mutter hoch zwei zu sein, nervig zu sein. Also ich wusste gar nicht, wie anstrengend es ist, Mutter zu sein, und das ist aber eigentlich heute mein stolzestes Gefühl, dass ich so eine Mutter bin.
SPEAKER_01Ja, das kannst du auch sein, und so einen Sohn zu haben wie Phoenix ist ja großartig. Wenn ich mir überlege, was macht Phoenix aus, sind es ganz viele feine Züge, die ihn besonders machen. Auch dieser Zug, dass er durchatmen kann, jedenfalls in der Beziehung zu mir, in der Öffentlichkeit und auszuhalten, also resilient zu sein und weiterzugehen. Ich habe schon seine Grenzen gespürt und wusste von vornherein bei Phoenix, dass alles, was ihn an Schule erinnert, ihn blockiert. Das heißt, alle Sachen, die wir gemacht haben, lagen aus dem Erfahrungsschatz der Schule herausgenommen, woanders. Wir haben auf Sofas gearbeitet, wir haben mit dem Hund unsere Pausen verbracht, wir haben gegessen und getrunken, wir konnten auch mit vollem Mund sprechen, wir haben die Hände immer bewegt und wir haben gesucht, was er braucht. Was er braucht, um fest an sein Wissen zu kommen? Er hat es immer wieder verloren. Seine Arbeit war für ihn gefühlt oft umsonst. Wie habt ihr das zu Hause gemacht? Wie bist du immer wieder auf ihn zugegangen und hast ihn motiviert, weiterzugehen?
SPEAKER_00Also, wenn ich das in seinen Worten sagen würde, dann würde er, glaube ich, sagen: liebevolle Penetranz. Also ja, bekennende, nervende Mutter. Aber wir hatten irgendwann so eine krasse, starke Bindung, dass ich wusste, wann ich in sein Zimmer gehe. Wir haben kleine Deals gemacht, wir haben manchmal das auf fünf Minuten begrenzt, mal war das Ziel, nicht maulig, unsere fünf Minuten täglich anzufangen. Das war eine unendliche Reise, wie ich an ihn rankomme. Ich klebe auch Post-its durch die Wohnung. Also es gab immer irgendwelche Trigger, dass er dabei blieb. Klar, ich bin der bei uns zu Hause der Lernmotor. Aber so war das unser Weg. Und ich bin ja zu Hause auch nicht alleine. Also auch mein Mann kann ja jetzt mittlerweile eingreifen. Wir sind ja zu viert auch zu Hause. Also manchmal ist es einfach nur auch das Abendbotgespräch und er kommt an Wissen ran oder wir kombinieren was zusammen oder er merkt, ach so, das war eine Schule immer dran, jetzt erinnere ich mich ja erst dran. Aber alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Und auch wenn wir lange Geduld brauchten, jetzt passt es. Und jetzt. Ich glaube, wir sind dabei, in so einen Flow zu kommen. Das ist schon ein Wahnsinn, wenn es Klasse neun ist. Aber wichtig ist, dass wir ja da ankommen. Und so kann er dann auch aus der Schule segeln.
SPEAKER_01Phoenix ist einer, der alle seine Schuljahre geschafft hat. Das muss man auch sagen. Er ist immer hingegangen. Ist es nicht so, dass er Verweigerungen hatte, dass er die Schule nicht mehr besucht hat? Wie nimmt er sich Auszeiten von diesem Schuldruck?
SPEAKER_00Die besprechen wir eigentlich gemeinsam. Dass man aus Schule, aus diesem System, aus dem da sitzen und alle machen das Gleiche rauskommt, hat uns eigentlich die Zeit vom Homeschooling gezeigt. Da waren wir selbstbestimmt und haben uns so Portionchen gepackt. Und da habe ich eigentlich gemerkt, dass das natürlich für uns Eltern super anstrengend war, aber dass wir damit unwahrscheinlich gut arbeiten konnten, weil es unser Tempo war. Und wenn wir durchatmen mussten, haben wir durchgeatmet. Und dann ging es eine ganze Phase wieder besser. Und es war diskret, weil keiner gesehen hat, welchen Stoff wir gerade gemacht haben oder was wir nochmal wiederholt haben. Aber es hat sich immer gut angefühlt. Und als wir das gelernt hatten, haben wir gemerkt, dass es manchmal auch eine Auszeit von Schule geben muss. Und wenn man abends Bauchschmerzen hat und man kann sie überhaupt nicht bezeichnen, dann ist es gar nicht schlimm, wenn man mal einen Tag zu Hause bleibt und für sich durchatmet, sich wieder einruckelt, um an dem Donnerstag halt erst wieder zu gehen. Sicherlich kann da jetzt jeder schockiert sein, aber als ich gemerkt habe, dass ich, wenn ich das ernst nehme, dann geht er ausbalancierter in dieses Bootcamp und kommt ausbalancierter auch wieder zurück. Und dann bin ich halt Balancerlaubnisgeberin. Oh Gott, was für ein Wort.
SPEAKER_01Ja, das ist ein sehr schönes Bild auch. Ich erinnere mich an die Lesetrainingsphasen, wie du ihm Bücher aufgesprochen hast aufs Band und er mitgelesen hat. Ja, du versucht hast, seine Geschwindigkeit irgendwie auch im Lesen darzustellen und er konnte dich hören und konnte mitlesen. Kannst du dich daran erinnern?
SPEAKER_00Ja, so verrückte Sachen mache ich immer noch. Wir haben unwahrscheinlich viele Bücher zu Hause, die wir einfach kurz geschrieben haben. And da dachte ich, habe ich mich einfach immer ins Bar zurückgezogen, leise vorgelesen. And this book for seeming and had my stimulus and it was angenehmo. And nature konnte er auch mal schummeln. And when you gesehen habt, wusste ich, hey, erwischt. Doch nicht mitgelesen. But this was a phase, die wieder weitergekommen sind. Und wir konnten danach die Bücher zählen, die er gelesen hat.
SPEAKER_01Wenn du ihn jetzt siehst, früher war ein funktionaler Analphabet. Wie würdest du ihn heute als Leser einschätzen?
SPEAKER_00Ein besonnener Leser. Unwahrscheinlich langsames Tempo, aber gut zum Mitdenken. Und ich selber lese auch nicht gern diese 600 Seiten in Areal 8. Und genau dem ist er gefolgt. Also Kürze und Würze. Und von daher mag er natürlich kurze Sachtexte nicht so viel labern und hat ein unwahrscheinliches Wissen. Und wir outen uns auch, dass die kürzesten Kinderbücher die Besten sind. Und alles andere ergibt doch Social Media, ChatGPT und immer das Gespräch am Armbrutstisch. Durchkommen ist alles.
SPEAKER_01Also auf alle Fälle, also durchkommen ist für mich überhaupt kein Bild, was zu Phoenix passt, sondern Weiterkommen wäre so ein Bild, wo ich denke, ja, Phoenix kommt weiter. Er wird nächstes Jahr seine zehnte Klasse-Prüfung machen und ich bin sehr gespannt, was sich dann in der Zukunft für ihn auftut. Ist ja sehr sportlich. Das finde ich kam noch gar nicht so richtig zum Ausdruck. Also sehr sportlicheres Kind, ein sehr ausgeglichenes Kind oder Jugendlicher mittlerweile. Ja, ich bin gespannt. Ich binde das jetzt mal zusammen, binde es mal zusammen und denke, wenn wir jetzt noch so einen Satz fänden, was ist das besondere Lernen für Phoenix? Welcher Weg zum Lernen ist der richtige? Du hast es ein oder andere Bild uns gegeben und hast uns gesagt, dass du individuelle Zeiten hast und vieles verkürzt und die Gespräche. Aber was könntest du hervorheben, was ist ganz wichtig für Phoenix, dass er überhaupt dran geblieben ist?
SPEAKER_00Haltung, also so eine motivierende, warme Kraft, weil ich das oft beobachte, er kommt in den Raum und der nimmt die Stimmung wahr und er liest zwischen den Zeilen und er weiß sofort, hier ist sicher oder hier ist Glatteis. Und da, wo sicher ist, da kann er alles machen, da kann er jeden Hinweis annehmen, da kann er auch über sich hinaus wachsen. Und ist das nicht so, geht er in Deckung, was ich aber eigentlich auch sehr feinfühlig finde und gut, dass er diese Sensoren hat.
SPEAKER_01Ja, vielen Dank. Das ist ein wunderbarer Abschluss. Ja, Sicherheit und Vertrauen. Darum geht's. Vielen Dank, Mendy. Ich habe Sie mit diesem Interview angesprochen, Sie sind neugierig geworden und wünschen sich mehr von diesen persönlichen Erfahrungen und Geschichten. Dann rufen Sie unsere nächste Folge auf. In vier Wochen sind wir wieder für Sie da. Ich würde mich freuen.